Warum Teams gerade dann Zeit zum gemeinsamen Nachdenken brauchen, wenn eigentlich keine Zeit dafür ist.
Neulich hat mir meine Auftraggeberin nach einem Offsite geschrieben: „Danke nochmal – das Offsite ist trotz aller Widrigkeiten richtig cool geworden.“
Ich musste schmunzeln, weil der Satz ziemlich gut beschreibt, wie die Diskussion vor solchen Tagen oft aussieht.
Die Kalender sind voll, die Ressourcen sind knapp und irgendwo steht die Frage im Raum, ob man sich jetzt wirklich zwei Tage rausziehen kann. Es gäbe schließlich genug anderes zu tun.
Und dann entscheidet sich ein Team trotzdem dafür.
Was in diesen zwei Tagen passiert, klingt gar nicht spektakulär. Menschen haben endlich einmal Zeit, Dinge zu Ende zu besprechen. Themen, die im Alltag immer wieder vertagt wurden, bekommen Raum. Unterschiedliche Sichtweisen werden sichtbarer. Und manchmal wird auch deutlich, wo man sich in der Zusammenarbeit längst an etwas gewöhnt hat, das eigentlich gar nicht gut funktioniert.
Im Tagesgeschäft geht es meistens darum, was als Nächstes getan werden muss und wer es übernimmt. Und selbst wenn Prioritäten besprochen werden, passiert es schnell, dass am Ende doch wieder fast alles Prio 1 ist. Alle sind im reaktiven Modus und die Meetingdichte konkurriert mit Fokuszeit.
Da gibt es kaum die Gelegenheit, einmal in Ruhe darauf zu schauen: Ist unser Workload eigentlich realistisch? Wo machen wir es uns unnötig schwer? Welche Themen schieben wir schon länger vor uns her? Und was müssten wir wirklich miteinander klären, damit wieder etwas mehr Leichtigkeit entsteht?
Genau dafür kann so ein Offsite Raum schaffen.
Natürlich passiert das nicht automatisch, nur weil ein Team für zwei Tage in einem Tagungsraum im Grünen sitzt. Es braucht eine gute Vorbereitung, eine klare Struktur und gleichzeitig genug Offenheit dafür, darauf zu reagieren, was in der Gruppe tatsächlich passiert.
Jedes Offsite ist maßgeschneidert und dennoch gibt es ein paar Formate, die aus meiner Sicht unverzichtbar sind. Besonders schön finde ich die Wirkung eines Walk & Talks. Zwei Menschen gehen eine halbe Stunde miteinander raus, mit ein oder zwei guten Fragen im Gepäck. Und erstaunlich oft bekomme ich hinterher zurückgespiegelt, wie anders dieses Gespräch war: ruhiger, persönlicher, offener.
Man begegnet dem Gegenüber noch einmal anders als im normalen Arbeitskontext. Und allein das gemeinsame Gehen nimmt häufig schon Tempo raus und der Dialog ermöglicht eine neue Vertrauensbasis, die in den Alltag hineinwirkt.
An anderer Stelle geht es um Themen, von denen eigentlich alle sagen: Da müssten wir längst mal ran. Ein Innovationsthema zum Beispiel, das im Tagesgeschäft immer wieder nach hinten rutscht. Plötzlich ist Zeit, gemeinsam tiefer einzusteigen, Ideen weiterzudenken und auch zu entscheiden, was jetzt konkret daraus werden soll. Und im besten Fall bleibt die Energie nicht im Tagungsraum, sondern die ersten nächsten Schritte sind vereinbart, bevor alle wieder in ihren Alltag zurückkehren.
Genauso wichtig finde ich die Zeit, die ein Team auf die eigene Zusammenarbeit schaut. Nicht erst dann, wenn es irgendwo richtig knirscht. Sondern um gemeinsam zu klären: Wie wollen wir eigentlich zusammenarbeiten? Was davon gelingt uns schon gut? Was stört uns immer wieder? Und gibt es Dinge, die eigentlich alle wahrnehmen, über die bisher aber niemand so richtig gesprochen hat?
Dabei muss am Ende auch nicht überall Einigkeit stehen. Manchmal ist schon viel gewonnen, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen überhaupt einmal nebeneinanderliegen dürfen und verständlicher wird, warum jemand eine Situation ganz anders erlebt als ich.
Genau solche Gespräche gehen im normalen Arbeitsalltag schnell unter. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil der nächste Termin wartet, das operative Thema drängt und am Ende doch wieder das die Aufmerksamkeit bekommt, was gerade am lautesten ruft.
Einen wirklich guten Zeitpunkt für zwei Tage Abstand vom Tagesgeschäft gibt es vermutlich selten. Doch wenn man ihn sich trotzdem nimmt, kann viel in Bewegung kommen.

